Altenkirchen 2004: Exkursion
Am dritten Tagungstag wurde eine Betriebsbesichtigung der Lebensgemeinschaft Bingenheim e.V. sowie der Bingenheimer Saatgut AG durchgeführt, die Heinz Gengenbach vorbereitete und leitete.
Die Lebensgemeinschaft Bingenheim:
Heim, Schule und Werkstätten für Seelenpflege-bedürftige
Menschen
Im Rahmen der Exkursion am 05. November 2004 hieß Jochen Pucher, Geschäftsführer
der Lebensgemeinschaft Bingenheim e.V., die Teilnehmer
herzlich willkommen.
Drei Werkstattbereiche standen im Mittelpunkt der Exkursion:
- Die Gärtnerei und das Saatgut (Bingenheimer Saatgut AG),
- die Landwirtschaft und
- die Käserei auf dem Quellenhof (Imbiss).
„In der täglichen Arbeit geht es darum, die Welt zu begreifen“
Mit diesen einleitenden Worten umriss Jochen Pucher die Zielsetzung innerhalb der Lebensgemeinschaft Bingenheim. Die Arbeit am Menschen bezeichnete er als eine „Beziehungsdienstleistung“ und betonte, dass ohne das Menschen- und auch Naturverständnis, das auf der Anthroposophie fußt, diese Leistung nicht denkbar ist. So wie die Seele im Menschen zwischen Geist und Körper vermittelt, steht die Pflanze im Naturprozess zwischen den kosmischen Kräften und der physischen Grundlage, der Erde. Bei „behinderten“ Menschen ist teilweise die physische und verhaltensmäßige Ausgestaltung verzerrt, der individuelle geistige Wesenskern ist jedoch davon ausgenommen, führte Jochen Pucher weiter aus. Im Zusammenhang der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozial- Therapie hat sich der Begriff „Seelenpflege-bedürftig“ entwickelt.
Die Lebensgemeinschaft Bingenheim e.V. (Kurzportrait)
Die Lebensgemeinschaft Bingenheim ist eine Einrichtung für Seelenpflege-bedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie umfasst die Unterbringung der zu betreuenden Menschen in einzelnen Wohngruppen, die Beschulung in der heimeigenen Sonderschule und das Erlernen und Praktizieren einer beruflichen Tätigkeit in verschiedenen Werkstattbetrieben (Kerzen, Weberei, Töpferei, Schreinerei, Garten, Landwirtschaft, Käserei).
Nur die Natur schafft Werte
Die Gärtnerei und die Landwirtschaft spielen eine zentrale Rolle im Konzept der Bingenheimer Lebensgemeinschaft. „Die Arbeit mit und an der Natur erfordert eine andere Art der Betrachtung als die rein ökonomische“, stellt der Geschäftsführer Jochen Pucher fest. Nur in der Natur selbst können Werte geschaffen werden bzw. findet eine Reproduktion statt wie z. B. bei der Pflanze oder dem Tier. Im Handwerk und in der Industrie jedoch dominiert der Verbrauch. Bingenheim zeichnet sich nach den Worten von Jochen Pucher durch eine starke Identifikation der MitarbeiterInnen mit dem „Grünen Bereich“ aus.
- 1945 in Bebra gegründet, seit 1950 in Bingenheim
- Kollegium besteht aus 180 MitarbeiterInnen
- 120 Menschen leben und arbeiten in der Lebensgemeinschaft: 72 Schüler und 48 Erwachsene
- in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) gibt es 56 Plätze, hinzu kommen 40 Jugendliche aus der Werkoberstufe der Schule
Die Gärtnerei und das Saatgut
Seit Gründung der Lebensgemeinschaft Bingenheim bestehen der gärtnerische sowie der landwirtschaftliche Bereich. Beide haben sich in den letzten Jahren erheblich vergrößert und bieten wertvolle Arbeitsplätze für behinderte Menschen. In der Gärtnerei arbeiten vier fest angestellte Mitarbeiterinnen, die sich um den Gemüseanbau unter Hoch- und Niederglas, in den Folienhäusern und im Freiland kümmern. Dazu kommen ein bis drei Auszubildende sowie Praktikanten. Andreas Schmidt, Werkstattleiter und Gärtnermeister, erläuterte, dass auf den ca. vier Hektar Außenfläche eine Rotation von Grünbrache, Gemüsebau und Saatgutvermehrung durchgeführt wird. Ca. 13 bis 17 Betreute sind in der Gärtnerei tätig.
Die Bingenheimer Saatgut AG
Petra Boie, Mitglied des Vorstandes, stellte zu Beginn klar: „Die Bingenheimer
Saatgut AG ist ein eigenständiges Unternehmen, das aber von der Idee absolut
mit der Lebensgemeinschaft übereinstimmt.“ An dieser Aktiengesellschaft
sind die Saatgut-Vermehrer, die sich im „Initiativkreis für
Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau“ zusammengeschlossen
haben, zu 20% beteiligt. Auch die Lebensgemeinschaft Bingenheim hält einen
Anteil von 20 Prozent. Die Software AG- Stiftung ist größter Aktionär
mit 49 Prozent. Die restlichen elf Prozent haben Kunden und befreundete Institutionen
gezeichnet.
Fünf bis sieben Betreute aus der Lebensgemeinschaft helfen z. B. beim Sortieren
von Saatgut.
Der landwirtschaftliche Betrieb der Lebensgemeinschaft Bingenheim - der Quellenhof
Im Jahr 1992 zog die Landwirtschaft aus dem Ort Bingenheim hinaus auf den Quellenhof. Der Schwerpunkt liegt in der Rindviehherde, die derzeit aus 41 Milchkühen plus Nachzucht und zwei Zuchtbullen sowie einer Schweinehaltung mit fünf Zuchtsauen plus Mast besteht. Andreas Heinrich, einer der Landwirte, hebt besonders den Milchviehstall als einen Ort hervor, in dem sich die Mitarbeiter und die ca. acht Betreuten bei der täglichen Arbeit sehr wohl fühlen. Derzeit werden ca. 93 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche mit ca. 49 Hektar Acker und 43 Hektar Grünland bewirtschaftet.
Die Hofkäserei
Ein Großteil der Milch wird in der Hofkäserei zu Yoghurt, Quark und Käse verarbeitet. Dies geschieht unter Mithilfe von zur Zeit einer Auszubildenden, einer Angestellten und ca. fünf Betreuten, die Bernd Koch, ein erfahrener Käsermeister, anleitet. Die Teilnehmer der Exkursion konnten sich zum Abschluss mit einigen Kostproben aus der Käserei stärken. Claudia Leibrock dankte den Verantwortlichen der Lebensgemeinschaft Bingenheim und der Bingenheimer Saatgut AG für ihre Führung.
Heinz Gengenbach
Öko Team Hessen
Beratung Südhessen,
LLH, Darmstadt
Tel: 06151 885-663,
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